Einladung zur Tanzperformance „Verknüpfte Zeiten“

Ab wann verstehen wir uns und andere als Künstler*in? Wann wird das, was wir erschaffen, zur Kunst und welche Praxis ist eine künstlerische? Können Traditionen auch durch andere (künstlerische) Praktiken über Generationen weitergegeben werden? 

Johanna widmet sich in ihrer tänzerischen Performance „Verknüpfte Zeiten“ den Überschneidungen zwischen ihrer eigenen und der künstlerischen Praxis ihrer Großmutter. 

Regina – geboren im heutigen Polen, der Heimat der masurischen Teppiche – hat sich in den 80er Jahren das traditionelle Teppichknüpfen beigebracht und mehrere Bauern- und Hochzeitsteppiche geknüpft. Traditionell wurden diese von der Großmutter für ihre Enkelkinder vor der Hochzeit geknüpft und das Brautpaar stand bei der Trauung auf dem Teppich. Dennoch ist Regina die erste in ihrer Familie, die sich dieser Tradition angenommen hat. Für jedes ihrer Kinder hat sie einen Teppich gestaltet und mit biblischen Symbolen und Texten versehen. Dabei hat sie sich näher mit deren Bedeutung auseinandergesetzt und ihr eigenes Repertoire erschaffen. So hat sie ihre Teppiche erst schwarz-weiß vorgezeichnet und entworfen, um sie dann eigen händisch herzustellen. Die Farben und Übergänge kommen dann allein im Tun zustande. Auch Anekdoten und Erinnerungen werden in den Teppichen festgehalten. 

„Alle Geschichten, die wir über unsere Vergangenheit, 

Gegenwart und Zukunft erzählen, sind von Abwesenheit geprägt […]. 

Diese Leerstelle hat eine dezidiert weibliche Form.“[1]

Johanna verfolgt mit ihrer Arbeit das choreografische Anliegen, Frauengeschichte sichtbar zu machen. Nachdem sie 2023 für ihre Bachelorarbeit die generationsübergreifende Verbindung der Frauen mütterlicherseits erforscht hat, geht sie in diesem Projekt auf die väterliche Seite ihrer Familie ein. Es ist an der jüngeren Generationen Blicke zu schärfen und diesen verkannten Künstlerinnen die Möglichkeit zu geben Teil des kulturellen Gedächtnisses werden, so dass ihre einzigartigen Werke in der Gesellschaft wahrgenommen werden. 


[1] Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert, S. 11.